Wenn es Dir psychisch sehr schlecht geht, ist die wichtigste Frage: Wen rufe ich an? Bisher gab es dafür mehrere Nummern und viele Unsicherheiten. Der Bundestag hat am 15. Oktober 2026 die Reform der Notfallversorgung beschlossen. Sie soll die Notrufnummer 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117, die Notaufnahmen und den Rettungsdienst besser verbinden. Für Menschen in psychischen Krisen ist das besonders wichtig, weil sie oft nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Dieser Artikel erklärt, was beschlossen wurde, was sich für Dich ändern soll und was Du in einer Krise heute schon tun kannst.
Kurz gesagt
- Heute schon: Bei akuter Gefahr 112. Rund um die Uhr zum Reden: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111. Ärztlicher Bereitschaftsdienst und Terminvermittlung: 116117.
- Was kommt: Die 116117 soll zur Akutleitstelle ausgebaut und mit der 112 digital vernetzt werden. Integrierte Notfallzentren an Kliniken sollen Notaufnahme, Notdienstpraxis und eine gemeinsame Ersteinschätzung verbinden.
- Psychotherapie: Der Gemeinsame Bundesausschuss soll bis Ende 2026 festlegen, wie Dringlichkeit bei Psychotherapie festgestellt wird. Das ist wichtig für schnelle Akutbehandlung.
- Kosten: Die Zuzahlung für Notfallrettung soll von 10 auf 15 Euro steigen.
- Offen: Wie gut psychische Krisen in den neuen Strukturen berücksichtigt werden, ist umstritten. Fachverbände fordern ausdrücklich psychologische Expertise in den Notfallzentren.
Stand: 8. November 2026. Der Bundestag hat beschlossen, die Umsetzung erfolgt schrittweise. Wir aktualisieren den Artikel.
Was Du heute in einer psychischen Krise tun kannst
- Akute Gefahr für Dich oder andere (Suizidgedanken mit Plan, Selbstverletzung, Bedrohung): Ruf 112 oder geh in die nächste Notaufnahme. Du musst nicht allein bleiben, bitte eine Person in Deiner Nähe, bei Dir zu bleiben.
- Du brauchst jemanden zum Reden, es ist aber kein unmittelbarer Notfall: Die TelefonSeelsorge ist kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Auch Chat und E-Mail sind möglich.
- Du brauchst ärztliche Hilfe, aber keinen Rettungswagen: Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116117 erreichbar, nachts, am Wochenende und an Feiertagen.
- Du suchst Psychotherapie: Über 116117 oder 116117-termine.de vermittelt die Terminservicestelle einen Termin in der psychotherapeutischen Sprechstunde.
- Regionale Krisendienste: In vielen Regionen gibt es sozialpsychiatrische Dienste oder Krisendienste, die auch aufsuchend arbeiten. Informationen bekommst Du bei Deiner Stadt, Deinem Landkreis oder Deiner Krankenkasse.
Was die Notfallreform vorsieht
Der Bundestag hat den Gesetzentwurf der Bundesregierung in geänderter Fassung mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen beschlossen. AfD und Die Linke haben sich enthalten. Die zentralen Punkte:
- Akutleitstelle unter 116117: Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen unter der 116117 neben der Terminvermittlung eine Akutleitstelle für sofortigen ambulanten Behandlungsbedarf betreiben. Sie soll mit den Rettungsleitstellen der 112 digital vernetzt werden, damit Anrufende nicht weiterverwiesen werden müssen.
- Integrierte Notfallzentren: An geeigneten Krankenhäusern sollen Notaufnahme, Notdienstpraxis und eine zentrale Ersteinschätzung zusammenarbeiten. Dort wird eingeschätzt, wie dringend Deine Behandlung ist und wo sie am besten stattfindet.
- Standardisierte Ersteinschätzung und digitale Übergabe: Deine Daten sollen digital zwischen Leitstelle, Rettungsdienst und Klinik weitergegeben werden, damit Du Deine Geschichte nicht mehrfach erzählen musst.
- Rettungsdienst als Kassenleistung: Die medizinische Notfallrettung wird eigenständige Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung.
- Zuzahlung: Für Notfallrettung steigt die Zuzahlung von 10 auf 15 Euro.
- Termine für Psychotherapie: Praxen sollen verbindlich freie Termine an die Terminservicestelle melden. Der Gemeinsame Bundesausschuss soll bis Ende 2026 Regeln zur Feststellung der Dringlichkeit in der Psychotherapie-Richtlinie treffen. Wer als dringend eingestuft ist, soll im Rahmen der Akutbehandlung außerhalb des Praxisbudgets behandelt werden können (bis zu 600 Minuten im Jahr, über die Terminservicestelle vermittelt).
Was für psychische Krisen offen bleibt
Fachverbände sehen noch Lücken. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen fordert, psychologische Expertise in den Notfallzentren ausdrücklich zu regeln und sie mit psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Krisendiensten zu vernetzen. Die Diakonie verlangt, Hilfen in akuten psychischen Krisen in die medizinische Notfallversorgung zu integrieren und auch Menschen ohne Krankenversicherung Zugang zu sichern. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung möchte, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Überweisungen und Krankschreibungen ausstellen dürfen. Ob und wie das umgesetzt wird, ist offen.
Die Grünen kritisierten außerdem, dass bei den ambulanten Notfallkontakten und bei spezialisierten ambulanten Notfallangeboten, zu denen auch psychische Notfallhilfe gehört, noch Regelungen fehlen. Die Reform schafft also eine neue Struktur. Wie gut sie für Menschen in seelischen Krisen funktioniert, wird sich erst in der Praxis zeigen.
Dein persönlicher Krisenplan
Egal wie die Reform umgesetzt wird: Ein persönlicher Plan hilft Dir, in einer Krise nicht alles neu entscheiden zu müssen. Er passt auf eine Karte oder ins Handy:
- Meine Warnzeichen: Woran merke ich früh, dass es kippt (Schlaf, Rückzug, Gedankenkreisen)?
- Was mir sofort hilft: drei konkrete Dinge, die ich selbst tun kann (Spaziergang, Atemübung, Dusche, Musik).
- Menschen, die ich anrufen kann: mindestens zwei, mit Nummern.
- Professionelle Hilfe: TelefonSeelsorge, 116117, meine Praxis, regionaler Krisendienst, im Notfall 112.
- Medikamente und Diagnosen: eine kurze Liste, die ich Rettungsdienst oder Klinik zeigen kann.
- Ein sicherer Ort: Wohin kann ich gehen, wenn ich nicht allein sein will?
NIMM DIR FÜNF MINUTEN
Häufige Fragen
Ist die 116117 schon eine Akutleitstelle?
Teilweise. Sie vermittelt schon heute den ärztlichen Bereitschaftsdienst und Termine. Der Ausbau zur Akutleitstelle mit digitaler Verbindung zur 112 ist Teil der Reform und kommt schrittweise.
Welche Nummer wähle ich bei Suizidgedanken?
Bei akuter Gefahr die 112. Wenn Du nur reden möchtest, die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111. Du darfst auch anrufen, wenn Du unsicher bist, ob es „schlimm genug“ ist.
Was kostet mich ein Rettungseinsatz?
Die Zuzahlung für Notfalltransporte soll von 10 auf 15 Euro steigen. Wichtig: Das Risiko, nach einem Einsatz ohne Transport selbst eine Rechnung zu bekommen, soll entfallen, weil die Notfallrettung eine eigene Kassenleistung wird.
Bekomme ich als Betroffene künftig schneller einen Therapieplatz?
Das ist nicht zugesagt. Für dringende Fälle soll es einen besseren Weg über die Terminservicestelle geben. Für alle anderen hängt es davon ab, wie sich das Angebot durch die Budgetierung entwickelt. Mehr dazu im Artikel zum Beitragssatzstabilisierungsgesetz.
Gilt die Reform schon?
Beschlossen ist der Bundestagsbeschluss vom 15. Oktober 2026. Der Aufbau der neuen Strukturen erfolgt schrittweise und braucht Zeit.
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Wichtig zu wissen
Dieser Artikel informiert über den Stand der Gesetzgebung am 8. November 2026 und ist keine Rechts- oder Behandlungsberatung. Er ersetzt keinen Notruf. Wenn Du Dich in einer akuten Krise befindest oder Gedanken hast, Dir etwas anzutun, such bitte sofort Hilfe: Notruf 112 oder TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 (kostenlos, rund um die Uhr). Coaching und Mentoring sind keine Krisenintervention und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Quellen & Vertiefung
- Deutscher Bundestag: Beschlussempfehlung des Ausschusses für Gesundheit zur Reform der Notfallversorgung, Drucksache 21/8629; Abstimmung am 15. Oktober 2026, bundestag.de
- Psychotherapeutenkammer NRW: „Bundestag beschließt Ausnahmen von der Budgetierung“ (21. Oktober 2026), ptk-nrw.de
- Lobbyregister des Bundestags: Stellungnahmen von BDP, DPtV und Diakonie Deutschland zur Notfallreform, lobbyregister.bundestag.de
- TelefonSeelsorge Deutschland, telefonseelsorge.de
Dieser Artikel ist ein Impuls aus dem Coaching-Kontext und ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder psychiatrische Beratung oder Behandlung.
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